Fehlerkultur, Selbstwertgefühl und Persönlichkeitsentwicklung

 

Man kann nicht entscheiden, wie man sterben möchte. Oder wann. Aber man kann entscheiden, wie man jetzt leben möchte. (Joan Baez)

Wie unterschiedlich Menschen mit eigenen Fehlern und verfehlten Zielen umgehen, können Sie daran erkennen, wie "dramatisch" die Betroffenen diese bewerten und wie schnell sie danach bereit sind, diese Fehler "auf sich beruhen zu lassen", sie zu vertuschen, sich von ihnen ausbremsen zu lassen - oder aber weitere Anläufe  zu starten, um ihre Fehler zu berichtigen,

Anhand eines einfachen theorienübergreifenden Grundmodells menschlichen Verhaltens - dem Zwei-Stränge-Modell des psychischen Systems - zeige ich in "STEH AUF MENSCH! Über den kreativen Umgang mit Krisen und Misserfolg. Das Praxishandbuch" Hintergründe und Einflussfaktoren auf, wie sich Betroffene im Zusammenhang mit verfehlten Zielen verhalten. Anhand dieses Grundmodells menschlichen Verhaltens zeige ich, an welcher Stelle innerhalb der menschlichen Psyche bzw. seiner Wahrnehmungsverarbeitung der sog. Fiasko-Faktor einsetzt, der sich maßgeblich auf die eigene Motivation auswirkt. Der Fiaskofaktor kennzeichnet den jeweiligen "Katastrophengrad" bei der Bewertung eigener Misserfolge. Ein und derselbe Fehler, oder ein und derselbe Misserfolg oder ein und dieselbe Krise werden von verschiedenen Menschen sehr unterschiedlich bewertet. Und nicht nur das: Je nach dem, wie "schwerwiegend" oder wie "katastrophal" das Vorkommnis eingeschätzt wird, führt es dazu, sich mehr oder weniger mit der Bewältigung - der Korrektur des Fehlers, der Bearbeitung des Misserfolges oder der  Problemlösung der Krise - zu beschäftigen.

Ich habe einen Misserfolg - bin ich dann auch ein Misserfolg?

Interessanterweise bremst die Dramatik der jeweiligen Einschätzung des vorliegenden Misserfolges häufig die menschliche Motivation aus, weiterzumachen. Doch womit hängt diese Blockierung zusammen? Die psychologische Forschung hat herausgefunden, dass sich Menschen grundlegend darin unterscheiden, welche innere Fehlerkultur sie mitbringen:  Je nach dem, wie sehr sie ihr Selbstwertgefühl an den Misserfolg knüpfen, ja  sogar gleichsetzen - oder aber ihr Selbstwertgefühl völlig davon abkoppeln - gelingt es ihnen mehr oder weniger gut, Krisen und Misserfolgen gelassen und kreativ zu begegnen.

Leistungsorientierte Selbstwertbindung oder Selbstverpflichtende Zielbindung?

Wer also sein Selbstwertgefühl mit seinen Leistungen gleichsetzt, der hat schlechte Karten, wenn er sein Ziel verfehlt und ein Misserfolg vorliegt. Psychologen nennen diese Verknüpfung "Leistungsorientierte Selbstwertbindung". Eine völlig andere Herangehensweise ist die sog. "Selbstverpflichtende Zielbindung", in der das Selbstwertgefühl völlig abgekoppelt ist von Erfolg und Misserfolg, frei nach dem Motto "Abgesehen davon, dass allerlei schief gelaufen ist, um das ich mich jetzt kümmern werde, geht es mir augenblicklich ganz gut!" Die Haltung der Selbstverpflichtenden Zielbindung ist eine innere Haltung, wie sie bei Menschen mit hoher Resilienz zu  finden ist, den Stehauf-Menschen, von deren Mut und Kraft andere Menschen etwas lernen können.

Ein neues psychologisches Modell zum Selbstcoaching

Um die beiden unterschiedlichen inneren  Haltungen, die ich oben  skizziert habe, anschaulich zu machen, habe ich das psychologische Modell vom Inneren Königreich entwickelt. Im ersten Königreich steht ein innerer Tyrann an der Spitze, der sämtliche nachteiligen menschlichen Grundeinstelleungen repräsentiert (Ich bin nicht o.k. - Du bist o.k. - also die angsterfüllte Abhängigkeit des unreifen Menschen, Ich bin nicht o.k. - Du bist nicht o.k. - also die Grundeinstellung der Verzweiflung und Resignation, Ich bin o.k. - Du bist nicht o.k. - also die kriminelle Grundhaltung). Dieser Tyrann vertritt die Gleichsetzung von Leistung und Selbstwertgefühl und verfügt über diverse Minister, die seine negativen Prinzipien vertreten und einen Hofstaat, der destruktive Ausführungsprogramme vertritt. Alle sorgen dafür, dass nach einem Misserfolg kein weiterer Anlauf zur Korrektur unternommen wird.

 

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Im zweiten Königreich steht ein innerer Weiser an der Spitze, der die positiven menschlichen Grundhaltungen vertritt (Ich bin o.k. - Du bist o.k. - also die bewusste Reaktion des erwachsenen Menschen). Dieser Weise vertritt die Selbstverpflichtende Zielbindung. Auch dieser König steht dienstbaren Geistern vor, also seinen Ministern, die jedoch im Gegensatz zu den Ministern des Tyrannen  positive Prinzipien vertreten sowie einen Hofstaat, der konstruktive Ausführungsprogramme vertritt. Und der auch einen abgesandten bereithält, der sich um den (mindestens) zweiten Anlauf zur Bewältigung des Fehlers oder der Krise kümmert.

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Mit Hilfe des Praxishandbuches STEH AUF MENSCH! Über den kreativen Umgang mit Krisen und Misserfolg können Sie lernen, sich durch innere Arbeit ein neue Fehlerkultur anzueignen, die Sie in Ihrer Motivation unterstützt, in Zukunft mit Krisen und Misserfolgen besser umgehen zu können. Zahlreiche Beispiele aus meiner Coachingpraxis sowie viele Übungen und Aufgaben zur Unterstützung des Selbstwertgefühls und der Resilienz ermöglichen ein gezieltes Selbstcoaching.

Wer bestimmt Ihr Denken und Handeln - ein innerer motivierender Weiser oder ein entmutigender Tyrann?

Mihaly Csikszentmihaly zitiert in seinem Buch "Kreativität - Wie Sie das Unmögliche schaffen und Ihre Grenzen überwinden" den Nobelpreisträger für Physik Subrahmanyan Chandrasekhar. Sinngemäß sagt dieser über seine Motivation, dass ihn die Entdeckung von Problemlösungen fasziniere. Zwei Dinge wisse die Öffentlichkeit jedoch nicht über ihn: erstens, dass er sich nie einer Aufgabe gewidmet habe, die in irgendeiner Weise spektakulär oder glanzvoll war, und zweitens, dass er immer in Bereichen tätig war, die, solange er damit beschäftigt war, niemals Aufmerksamkeit erheischten. Er hinterfragt das Wort "Erfolg" sehr kritisch, meint, dass es ein schillerndes Wort sei: Erfolg in Bezug worauf? In Bezug auf die äußere Welt? Oder auf die innere Welt? Wie solle man das selbst bewerten? Ein äußerer Erfolg ist seiner Auffassung nach häufig unangemessen, falsch und nicht passend. Wenn die Presse z.B. über einige Teile seiner Arbeit schreibt, ist er dann erfolgreich? Er hat keine Ahnung, wie er dieses Phänomen einoerdnen soll.

Anhand dieser Äußerungen können Sie erkennen, dass dieser Nobelpreisträger die Selbstverpflichtende Zielbindung als innere Haltung kultiviert hat und  ihm die  Leistungsorientierte Selbstwertbindung völlig fremd ist. Er bezieht seine Motivation einzig  und allein aus dem Wunsch,  Problemlösungen zu erreichen und er weiß, dass es auf diesem Weg auch völlig normal ist, Fehler und Misserfolge zu erleben. Sein Fiaskofaktor ist demnach nur sehr niedrig ausgeprägt und wirkt sich auch nicht negativ auf seine  Motivation aus, unentwegt weiter an Problemlösungen zu arbeiten. Diese Fehlerkultur verzichtet auf das "Dramatisieren" der Tatsache, dass Ziele (noch) nicht erreicht wurden.

Hilfreiche Säulen zur Unterstützung Ihres Selbstwertgefühls

Falls Sie eher zu denjenigen gehören, die ihr Selbstwertgefühl mit Erfolg gleichsetzen, dann kann Ihnen folgende Liste (nach Prof. Dr. M. Birkenbihl) eine Übersicht über verschiedene hilfreiche Säulen geben, die Ihr positives Selbstbild unterstützen. Sie werden dort auch die Säule Ihrer hoffentlich von Ihnen wertgeschätzen Erfolge aus Ihrer Arbeit finden, allerdings nur unter anderem ...

  1. Die Säule des optimalen Verhältnisses zwischen Ihrem Ich und Ihrem Ich-Ideal
  2. Die Säule der Übereinstimmung mit Ihrem Gewissen
  3. Die Säule Ihrer philosophisch-spirituellen Ebene
  4. Die Säule Ihres Urvertrauen
  5. Die Säule Ihrer Erfolge aus Ihrer Arbeit
  6. Die Säule Ihrer Erfolge aus Ihrem kreativen Schaffen
  7. Die Säule Ihrer erotisch-sexuelle Befriedigung
  8. Die Säule Ihrer Konfliktbewältigungs-Strategien
  9. Die Säule Ihrer Wertschätzung anderer
  10. Die Säule Ihrer angepassten Aggressivität
  11. Die Säule Ihrer Problemlösungs-Strategie

 

Bei Interesse nehmen Sie bitte Kontakt mit mir auf. Vielen Dank!

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