Angriffe auf das Selbstwertgefühl des Mitmenschen

Unterschiede zwischen körperlicher und seelischer Gewalt

Jeder weiß, dass körperliche Gewalt - etwa in Form von Fausthieben, Schlägen, Fußtritten, Armverdrehen, Kratzen, An-den-Haaren-reißen oder Ohrfeigen - einen anderen Menschen verletzt, indem er körperliche Schmerzen zugefügt bekommt. Per Gesetz sind diese Art von Übergriffen mittlerweile verboten, um Kindern und Erwachsenen die Unversehrtheit des Körpers zu garantieren. Verstöße können daher angezeigt und strafrechtlich verfolgt werden. Weniger bekannt jedoch ist, dass auch seelische (oder psychische) Gewalt einen anderen Menschen stark verletzen kann, besonders, wenn es sich um sensible oder auch kreative Persönlichkeiten handelt.

Die Zerstörungskraft seelischer Gewalt

Seelische Gewalt greift das Selbstbild und das Selbstwertgefühl des Gegenübers an. Dadurch enstehen zwar keine körperlichen Wunden, wohl aber von außen nicht sichtbare psychische Kränkungen und Verletzungen. In Beruf, Familie und Alltag sind diese Formen von Abwertungen des anderen Menschen leider sehr verbreitet und finden in dem Phänomen des Mobbing eine besonders abzulehnende Form des menschlichen Umgangs miteinander. Folgende Formen der Abwertungen sind stark verbreitet:

  • Direkte Beleidigungen und Beschimpfungen
  • Herabwürdignde Beurteilungen von Arbeitsergebnissen
  • Körpersprachliche Abwertungen wie "den Vogel zeigen" oder verächtlich herabgezogene Mundwinkel
  • Vernichten von Arbeitsergebnissen
  • Rhetorische Formulierungen, die den anderen klein machen sollen
  • Verbreiten negativer Gerüchte
  • Frauenfeidliche Äußerungen
  • Verachtende Bemerkungen gegenüber niedriger Qualifizierten oder sog. Randgruppen
  • Ironische oder sarkastische Äußerungen gegenüber älteren Menschen
  • Verbale Angriffe auf Intellektuelle oder sog. "Streber"
  • Verteufelung von Fantasie und Einfallsreichtum

Destruktive Reaktionen auf seelische Gewalt

Ich unterscheide zwischen passiven und aktiven Reaktionen auf die seelischen Verletzungen, die einem von anderen Menschen zugefügt werden können: Die passiven verbleiben sozusagen im Inneren des Menschen wie etwa bei der starken Frustration, der Depression, der Verbitterung, der nagenden "Wut auf die heile Welt", den psychosomatischen Erkrankungen, dem Suchtverhalten oder dem Selbstmord. Die Reaktionen wenden sich gegen einen selbst.

Die aktiven Reaktionen hingegen richten sich auf einen oder mehrere andere Menschen im Umfeld - was von einem kräftigen Kontern oder "Zurückbeleidigen", der Familientragödie,  dem Duell, der Blutrache, dem Ehrenmord, dem Amoklauf bis zum Terrorismus und Krieg führen kann, letzteres nach dem unbewußten Motto "Gemeinsam gehen wir unter", was die Spitze der Eskalation von Konflikten darstellt. All diese aktiven Reaktionen dienen der Wiederherstellung des Selbstwertgefühls, wenn auch auf destruktive Art  und Weise.

Konstruktive Reaktionen auf seelische Gewalt

Prof. Dr. Reinhard Haller schlägt folgende Umgangsweisen vor, um dem Phänomen der seelischen Gewalt zu begegnen:

  • Die Frustration in eine kreative Leistung umwandeln
  • Abklären, was ich an Kränkungen zulasse
  • Kränkungen ansprechen
  • Die Kränkungsbotschaft nüchtern analysieren
  • Eigene Kränkungsmuster kennenlernen
  • Loslassen können
  • Perspektivwechsel vornehmen
  • Sich eine "gute Rache" mit Augenzwinkern ausdenken
  • Kränkungen verzeihen können

In jedem Fall, ob körperliche oder seelische Gewalt zum Zuge kommt, weiß der Angegriffene genau, wer ihn angegriffen hat und kann sich dagegen wehren. Schwierig wird es jedoch, wenn der Angreifer aufgrund seiner besonderen subtilen Strategien unerkannt bleibt.

Subtile seelische Gewalt - Gewalt auf Sammetpfoten

Zuvor war stets von der Abwertung des Gegenübers die Rede. Es gibt jedoch noch eine weitere, häufig nicht erkannte Form des Angriffs auf einen anderen Menschen, die stark schädigende seelische Auswirkungen haben kann: die subtile seelische Gewalt. Sie kann zur Entwertung des Gegenübers führen, indem sie vermittelt "Du existierst nicht!" Damit kann die gesamte Identität des anderen Menschen infrage gestellt werden und ihn sogar völlig zerstören. Folgende Formen der Ignoranz sind u.a. stark in Beruf und Alltag sehr verbreitet:

  • Versagen von Response-Signalen im Gespräch
  • Übergehen des Anderen
  • Unterstellungen
  • Zuschreibungen
  • Übersehen und Überhören
  • Ablenkungsmanöver
  • Widersprüchliches Verhalten
  • Anschweigen
  • Fachsimpeln
  • Anspielungen
  • Kaltgestellt werden

Nicht wahrgenommen zu werden kann einen Menschen kränken. Aber solange er weiß, dass dies nicht absichtlich geschieht, ist das Verhalten "verzeihlich", manchmal von einer anderen Person übersehen oder überhört zu werden. Schwierig allerdings wird es, wenn dieses Verhalten von einem Angreifer systematisch eingesetzt wird, um jemand anderen zu schaden, ohne dabei entdeckt zu werden, insbesondere nicht von demjenigen, der davon betroffen ist. Dies ist eine besondere Form des Mobbing, die sich ausschließlich zwischen zwei Personen abspielt, ohne dass Mitläufer und Gehilfen dafür eingespannt werden.

Die Folgen einer solchen andauernden "Behandlung" können sich u.a. in einem extremen Vitalitätsverlust, einer Schachmatt-Position, körperlichen Symptomen wie andauernder Müdigkeit, depressiven Verstimmungen, Kontrollverlust sowie in impulsive Handlungen oder dem Verlust der Ich-Identität äußern. Solange der Angegriffene diese Zusammenhänge nicht wahrnimmt, solange ist er ihnen auch häufig hilflos ausgeliefert und in die von mir sogenannte "Ignoranzfalle" hineingeraten. Gerade sensible, gutgläubige und kreative Menschen können sich überhaupt nicht vorstellen, dass ein Mensch in ihrer Umgebung diese Verhaltensweisen systematisch dazu einsetzt, um ihn letztendlich zu zerstören.

Gegenmaßnahmen gegen subtile seelische Gewalt - Resilienz stärken

Häufig ist der Angegriffene damit überfordert, einerseits all diese Zusammenhänge zu erkennen und sich dann noch selbst "mit den Haaren aus dem Sumpf zu ziehen". Daher empfehle ich, sich eine geeignete Unterstützung und Begleitung zu suchen. Ziel dabei ist, die Quelle der Anerkennung der eigenen Existenz nicht bei denjenigen Menschen zu erwarten, die dafür nicht geeignet sind.

Insgesamt gibt es auf drei Ebenen die Möglichkeit, Gegenstrategien gegen Ignoranten zu entwickeln.

  1.  Gegenstategien im Inneren (etwa das Täter-Opfer-System durchbrechen oder eine persönliche Anerkennungsbilanz erstellen)
  2.  Gegenstrategien gegen Ignoranten (etwa Re-Aktionen einfordern oder schöpferischen Ungehorsam entwickeln)
  3.  Gegenstrategien in Systemen (etwa Stellenwechsel prüfen oder Solidargemeinschaften gründen)

Insbesondere Personalverantwortliche in den Betrieben und Unternehmen sind dazu aufgefordert, sich mit dieser "heimlichen" Art der entwertenden Kommunikation vertraut zu machen, sie zu durchblicken und den Betroffenen Unterstützung anzubieten. Aus diesem Grund habe ich zu diesem Thema das Buch "Ignoranzfallen am Arbeitsplatz. Subtile seelische Gewalt aufdecken - Betroffene stabilisieren" geschrieben, das 2015 bei Springer/Gabler erschienen ist.

 

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